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Nachdenkliches und Heiteres

Novembertage: Deutsch-polnischer Poesieabend

Chodziez
Beeindruckend: Die bekannte, in Münster lebende polnisch-litauische Dichterin, Übersetzerin und Genetikerin Dr. Alicja Rybalko hatte Gedichte mitgebracht, die sich auch mit kritischen Themen befassten. Foto: Manfred van Os

Von Manfred van Os

Nottuln. Sehr viele Gäste kamen in die Alte Amtmannei zum deutsch-polnischen Poesie-Abend, zu dem das Komitee für Städtepartnerschaften im Rahmen der „Nottulner Novembertage“ eingeladen hatte. „Liebe, Vergänglichkeit und Erfahrungen des Alltags“ hieß das Motto des Abends. Poesie sei „ein Mittel mit Nebenwirkungen“, versprach die Initiatorin des Poesie-Abends und ganz ausgezeichnete Moderatorin Renata Kaczmarek, Mitglied im Komitee für Städtepartnerschaften.
Ja, sie hielt Wort – und vieles kam noch dazu. Gedichte, Poesie, Heiteres und Nachdenkliches wurden zum Teil zweisprachig vorgetragen. Mit verbindenden Worten schuf Renata Kaczmarek die Brücke zwischen den Beiträgen. Das hatte Linie und Niveau.
Die Moderatorin ging dabei auch auf die dunkle Seite der deutsch-polnischen Beziehung ein, den Überfall Deutschlands im Zweiten Weltkrieg. Josef Lütkecosmann las dazu einen Beitrag des damals 19-jährigen Krzystof Kamil Baczynski, der im Aufstand in Warschau ums Leben kam. Hier heißt es: „Da stehen wir über tragischer Erde. Das Schlachtfeld raucht mit dem Sud zerschlagener Taten und Träume. Mit blutverkrusteten Fragen nehmen wir ab die Helme, die uns an die Köpfe gewachsen . . .“. Die gemeinsame Aufarbeitung dieser schlimmen Ereignisse hatte viel Versöhnliches und zeigt, wie gut man sich inzwischen versteht.
Aber nicht nur Nachdenkliches gab es an diesem Abend. Die Gäste konnten bei manchen Beiträgen auch herzlich lachen. Da wird die Geschichte von einem eigensinnigen Weib erzählt, das ständig gegen den Strom schwimmt. „Seufzer“ und „Meldung“ hießen zwei Beiträge von der 90-jährigen polnischen Dichterin Julia Hartwig.
Die bekannte, in Münster lebende polnisch-litauische Dichterin, Übersetzerin und Genetikerin Dr. Alicja Rybalko, 1960 in Wilna (Litauen) geboren, kam auf die Problematik der Übersetzung zu sprechen. Vieles könne man nicht eins zu eins übertragen, weil man es sonst nicht verstünde. Sie fragt in ihrem Gedicht „Meine Großmutter“, welche Sprache diese nun spricht, vielleicht Himmlisch? Mahnend sagte sie auch, dass die Politiker mehr auf die Minderheiten achten sollten und trug ein Gedicht zu diesem Thema vor.
Das Publikum wurde an diesem Abend aktiv einbezogen. Es wurden Zettel mit diversen, heiteren und beziehungsreichen Sprüchen verteilt, die von den Gästen selbst vorgetragen wurden. Zwei Beispiele von Stanislaw Jerzy Lec: „Seitdem er verkalkt ist, hält er sich für ein Denkmal.“ Und nachdenklicher der Aphorismus: „Scheiterhaufen erleuchten nicht die Finsternis.“
Mit flotter Musik aus Polen und Deutschland wurde der Abend von Stefan Volpert (Piano), Heinrich Willenborg (Kontrabass), Günter Vieth (Drums), Tomasz Kaczmarek (Gitarre und Gesang) und Renata Kaczmarek (Gesang) umrahmt.
Bürgermeisterin Manuela Mahnke fasste zusammen: „Ein wunderschöner Abend im Zeichen der deutsch-polnischen Freundschaft mit dem Zauber der Poesie.“ Dem kann man sich nur anschließen.

Westfälische Nachrichten, 30. November 2015

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